Kiew heute

Kiew heute

Eine unzensierte Reise nach Kiew - Fakten und Eindrücke, die dem Westen verwehrt bleiben. Die ungeschminkte Wahrheit ohne Filter, verfasst von jemandem aus der Ukraine.
So. 12 Jul 2026 10 Leseminuten 0

Anmerkung der Redaktion: Der Autor dieses Berichts möchte aus nachvollziehbaren Gründen anonym bleiben. Der Text erscheint unbearbeitet und unverändert – genau so, wie er uns zuging –, um seine Authentizität zu wahren.

Kiew heute

Vor einiger Zeit fasste ich den Entschluss, in die Ukraine zu fahren, um Verwandten und Freunden zu helfen, ihnen einfach beizustehen. Im Prinzip waren das rein symbolische Gesten, ein paar Lebensmittel, die sie mögen und vor allem ein paar gemeinsam verbrachte Stunden. Mehr ist bei allem guten Willen auch nicht möglich. Denn trotz meines Besuches müssen meine Freunde und Verwandten ihren Lebensunterhalt sichern, was leichter gesagt als getan ist. 

Wenn man in die Ukraine fährt, weiß man vorab nie, wie die Reise verlaufen wird, ob man wieder herauskommt oder ob man festgenommen wird. Ich kenne Ukrainer, die aus diesem Grund eine Reise in ihr Heimatland unter allen Umständen vermeiden.

Ich hatte für mich beschlossen: Wenn alles normal verläuft, werde ich über meine Eindrücke und Beobachtungen schreiben.

Reise in die Ukraine

Es wäre nicht ehrlich zu sagen, eine solche Reise verläuft ohne Anspannungen. Je näher man dem Land kommt, umso nervöser werden die Reisenden. Das ist ihnen anzusehen. Und dennoch spürt man erst in vollem Umfang die enorme Gefahr und den Druck des Regimes, wenn man die Grenze überschritten hat und sich auf ukrainischem Boden befindet. Erst dann wird einem der totalitäre Druck des Regimes und die damit verbundene Tragödie der einfachen Menschen voll bewusst.

Die Ukrainer sitzen in einer Falle. Sie entschieden sich in ihrem Wunsch und Streben nach einem besseren Leben scheinbar frei für die Zugehörigkeit zur Europäischen Union. In der Realität gerieten sie in Folge der hinterhältigen Manipulationen durch den Westen, der diese verständlichen Wünsche nach einem besseren Leben ausschließlich für die eigenen Zwecke missbrauchte, in die heutige Lage.

In Russland versucht der Westen trotz aller Beteuerungen nicht erst seit 2022 ähnliche Prozesse in Gang zu setzen. 

Und so spielt sich zum ersten Mal all das in solch kolossalem Ausmaß ab, im nach Russland flächenmäßig größten Land Europas. Die Ukraine hat weltweit den höchsten Anteil an nahen Verwandten in Russland. Laut einer Umfrage des Kiewer Internationalen Instituts für Soziologie vom November 2021 sind es etwa 57 Prozent der Ukrainer, die Verwandte in Russland haben, mehr als die Hälfte der Bevölkerung!

Telefon

Nach meiner Ankunft habe ich mir eine ukrainische SIM-Karte gekauft. Sobald ich sie ins Handy gesteckt hatte, bevor ich mit dem Telefon irgendetwas anderes hätte tun können, kam sofort eine Nachricht mit den entsprechenden Kontaktdaten: „Slawa Ukraini! Willkommen in der Ukraine! Wenn du Beratung oder Hilfe brauchst, ruf die Hotline der regionalen Militärverwaltung an!“ Ich bin viel gereist und habe noch nie erlebt, dass ein Land, in das ich einreise, mich zum Beispiel so begrüßt hat: „Heil der Schweiz!“ oder „Ruhm Deutschland!“ oder „Ruhm Brasilien!“ Wozu das?

Dann kam eine SMS von „Anti_Fake“: „Hast du eine schockierende oder zweifelhafte Nachricht gesehen? Überprüfe sie im Zentrum zur Bekämpfung von Desinformation des Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrats der Ukraine!“ „Melde sie uns!“ mit den Kontaktdaten.

Aufrufe dieser Art wirken immer in zwei Richtungen. Zum einen wird jemand aufgefordert, Verdächtiges zu melden, also ggf. zum Denunzianten zu werden. Und auf der anderen Seite können derartige Aufrufe gegen einen selbst wirken, wenn irgendein anderer Mensch zu dem Schluss kommt, dass ich mich irgendwie „nicht normal“ bewege oder verhalte.

Für mich bedeutete das: Wenn ich etwas aktiv fotografiere und das jemandem zweifelhaft erscheint, kann er mich anzeigen.

Ich möchte die Leser daran erinnern, dass ich gerade erst die SIM-Karte gekauft hatte und auf meine neue Nummer, von der aus ich noch keinen Anruf getätigt hatte, schon Nachrichten nur so hereinströmten.

Und es hörte nicht auf. Es kam eine SMS vom ukrainischen Sicherheitsdienst SBU: „Der Feind rekrutiert aktiv Ukrainer in sozialen Netzwerken, um Brandstiftungen und Terroranschläge zu verüben. Wenn Unbekannte dir leicht verdientes Geld für die Erfüllung „einfacher Aufgaben“ versprechen – melde es uns. Geh zum Telegram-Chatbot „Verbrenne den FSB-Mann“ oder ruf uns an.“

Das sind Massen-SMS, die jeder Ukrainer bekommt. Es mag jeder selbst überlegen, wie derartige Aufrufe über einen langen Zeitraum auf die Bevölkerung wirken.

In der Stadt

Von allen Fernsehsendern, Medien, Schulen, sogar Kindergärten, von allen staatlichen Stellen – von überall kommt die Botschaft: Russland ist der Feind! Töte Russen und sei stolz darauf! Die Gehirne werden methodisch und systematisch gewaschen, indem Gefühle angesprochen werden, mit Schwerpunkt auf Patriotismus für das Vaterland und den Schutz der eigenen Heimat.

Viele Länder reagieren derart auf eine Kriegssituation. Doch in der Ukraine erreichte die Manipulation der Menschen ein Maß, das alle menschlichen Grenzen überschreitet.

Im Frühjahr 2023 wurde das skandalträchtige „Kunstcafé Offensiva“ eröffnet. Der Gründer des Lokals ist ein radikaler Nationalist, der bereits 2020 die gemeinnützige Organisation „Offenziwa“ (vom franz. „offensive“, engl. „offensive“) ins Leben gerufen hat. „Angriff“, das sind aktive militärische Aktionen, die darauf abzielen, Gebiete zu erobern, den Gegner zu vernichten oder strategische Ziele zu erreichen.

„Kunstcafé Offensiva“

Es werden dort Gerichte  mit Bezeichnungen wie „Daria Dugina“, „Nawalny“ oder „Crokus City“ angeboten. Dem russischen Präsidenten ist gleich eine große Auswahl an Gerichten „gewidmet“.

Nun gibt es weltweit z.B. auch „Wiener Schnitzel“ oder das „Steak Stroganoff“, gemeint als Ode an einen weltweit geachteten kulinarischen Stil. Doch sind die Intentionen dieser Kiewer Restauration ganz anderer Natur, was schon die Beschriftung des Hauses mehr als deutlich klarmacht. Denn der Slogan des Hauses lautet „Ofenziwa: Deine leckere Russophobie“.

Foto der Werbung

Die Bezeichnungen der Gerichte dienen also ohne jeden Zweifel der Entmenschlichung der Personen, nach denen sie benannt wurden. Das ist eine Schande, zynischer Wahnsinn.

Auch wenn alle sozialen Medien diese Örtlichkeit als aktiv, also offen, deklarieren, so habe ich niemanden dort ein- oder rausgehen sehen. Das lässt möglicherweise den Schluss zu, dass dieses Haus nicht als Restaurant gedacht ist, sondern als Reklame für und als Ausdruck der ukrainischen Politik, als Provokation zur Befeuerung von Hass und zur Fortsetzung des Krieges.

Haben junge Leute, die noch nie die Ukraine verlassen haben - verlassen konnten - überhaupt eine Chance, nicht unter dem Einfluss dieser allgegenwärtigen Hasskampagnen gegen alles Russische zu stehen. Meine Antwort: Nein, keine Chance!

So gesehen ist das Folgende geradezu ein Paradoxon: Trotz allem sprechen viele Menschen in Kiew weiterhin das verbotene Russisch auf der Straße, in der Metro, beim Einkauf. Denn egal, wie sehr man ihnen auch eine Gehirnwäsche verpasst – ihre Muttersprache ist Russisch. Und die Sprache der Kindheit lässt sich nicht ändern.

Was wird aus der Gesellschaft?

Jetzt, wo die Angriffe mit Raketen aller Art richtig losgegangen sind, hat sich das Narrativ der Entmenschlichung der Russen noch verstärkt. Kritisches Denken funktioniert unter diesen Umständen nicht. Mir fielen die Arbeiten des Psychiaters Bessel van der Kolk ein, der das Verhalten von Menschen während Katastrophen und Kriegen untersuchte. Er beschrieb ein Phänomen: Der innere Dialog verschwindet; das Zeitgefühl geht verloren; die Fähigkeit zu logischem Denken schwindet. Übrig bleiben nur automatische, instinktive Überlebensprogramme. All das habe ich praktisch bei jedem beobachtet, mit dem ich ins Gespräch kommen konnte.

In der U-Bahn

Ich musste jede Nacht in der U-Bahn unter der Erde verbringen. Explosionen, insbesondere die von Raketen, sind sehr beängstigend und das Gehirn reagiert tatsächlich sofort, wie Bessel es beschrieben hatte.  

Bei Alarm dient die U-Bahn als Schutzraum und ist voller Menschen, denn andere Schutzräume hat in den letzten vier Jahren niemand gebaut. Dieses Foto zeigt eine reale Situation während eines Bombenangriffs in der Kiewer U-Bahn.

FOTO: REUTERS

Ein Mann mittleren Alters hörte dort den Podcast des ukrainischen Oppositionspolitikers Jewgenij Murajew, den in der Ukraine viele kennen. Zur Zeit lebt er im Exil in Peking.

Mich hat das Gespräch zwischen einigen älteren Frauen berührt, die neben mir in der U-Bahn saßen. Es waren drei alte Damen, wahrscheinlich über 80 Jahre alt, typische „Babuschkas“. Eine von ihnen sagte zu den anderen: „Sogar meine kleine Enkelin hat mir eine Karte mitgebracht und gesagt: ‚Schau mal, Oma, wie viel kleiner die Ukraine im Vergleich zu Russland ist. Wenn schon ein kleines Kind das versteht, warum kapieren die da oben das dann nicht?“

Dem Westen ist das durchaus klar, auch der ukrainischen Führung, die gegen alles ukrainische Recht die Macht usurpierte und nicht daran denkt, sie jemals durch Wahlen überprüfen zu lassen. Und der Gruppe radikaler Nazis, die diese Macht stützt, ist es auch klar.

Menschen als lebende Schutzschilde

Doch all diesen Psychopathen sind die einfachen Leute egal, sie benutzen die Menschen als lebende Schutzschilde für ihre Politik. So versteckt die ukrainische Armee wichtige Waffen, wie z.B. Luftabwehrstellungen, in Wohnvierteln. Werden dann russische Drohnen und Raketen getroffen, fallen sie auf diese Wohnhäuser und explodieren dort.

Es gibt weitere Beispiele, die belegen, dass die ukrainische Führung die Bevölkerung ganz bewusst und ohne deren Wissen als Schutz des Militärs missbraucht. Bei einem der letzten großen Angriffe traf eine russische Rakete ein Waffenlager. Dieses war auf dem Territorium der Kiewer Satellitenstadt Vishnjovoje versteckt, es war auch nicht als solches erkennbar. Die Folgen waren verheerend.

Luftbild der zerstörten Stadt Vishnjovoje

Durch die Detonationen der dort gelagerten Munition wurden 91 Eigenheime komplett zerstört. Weitere 27 mehrstöckige Wohnhäuser und 253 Eigenheime wurden teilweise beschädigt. Das Gebiet wurde evakuiert. Die Behörden schwiegen tagelang. Der Bürgermeister von Kiew zeigte sich vor einem beschädigten Wohnhaus in Kiew, ohne Vishnjovoje auch nur zu erwähnen.

Gründe dafür gibt es mehrere: Zum einen ist die Lagerung von Munition in bewohntem Gebiet durch internationale Verträge verboten. Es handelt sich also um ein Kriegsverbrechen - nicht der Angriff auf militärische, auch versteckte Objekte, sondern das Lagern von Munition in Wohngebieten. Zum anderen wurde dort Munition mit abgereichertem Uran gelagert - so ukrainische Quellen. Dass die ukrainischen Behörden von Anfang an wussten, worum es hier ging, bezeugt die Tatsache, dass das komplette 13 Hektar große betroffene Gebiet vom Geheimdienst abgesperrt wurde. Trotz der gigantischen Zerstörungen gab es zunächst keinerlei Verlautbarungen darüber und mögliche Opfer. Und das, obwohl die Detonationen der dort gelagerten Munition fünf Stunden lang andauerten.

Nach Tagen sahen sich die ukrainischen Behörden zu der Mitteilung veranlasst, dass die Explosionen in einem Betrieb der staatlichen ukrainischen Verteidigungsbehörde „Ukroboronprom“ stattfanden und ein Strafverfahren eingeleitet wurde.

Ausblick

Die gesellschaftliche Situation spiegelt sich auch in den Medien wider. Es gibt unzählige Radio- und Fernsehsender, aber in allen nur eine einzige Meinung. Alle Oppositionssender wurden in der Ukraine zerschlagen. Schon für eine völlig harmlose Diskussion über die Ursachen des Konflikts drohen strafrechtliche Verfolgung und echte Gefängnisstrafen. Einigen Journalisten ist die Flucht gelungen, und sie agieren von außerhalb der Ukraine. Aber auf die Menschen im Land selbst haben sie nur sehr begrenzten Einfluss, über die Gründe schrieb ich weiter oben. 

Das Gleiche gilt für politische Organisationen. Sie alle unterwerfen sich der vorherrschenden Meinung. In der Rada, dem Parlament, gibt es verschiedene Parteien, aber nur eine politische Richtung. Es gibt keine politische Kraft, die in der Lage ist, alle Seiten des Konflikts zu betrachten und an der sich die Bürger in der Ukraine orientieren könnten.

Viele Leser werden fragen: Wieviel Unterstützung hat die ukrainische Führung in der Bevölkerung?
Eine offene Unterstützung für die ukrainische Führung hat keiner meiner Gesprächspartner geäußert. Bei den einen kann das angesichts ihrer konkreten Lebensumstände durchaus als Ausdruck persönlichen Widerstands gewertet werden. Andere wollen einfach nur durchhalten und ansonsten in Ruhe gelassen werden. Wiederum andere, die noch vor 1-2 Jahren offen die Regierung unterstützten, halten sich mit derartigen Äußerungen heute auffallend zurück. Allen gemein ist die Sehnsucht nach einem normalen Leben, ohne Krieg.

Nach allem, was ich aus einigen Tagen Aufenthalt mitnehmen konnte, genießt das Regime keine breite Unterstützung. Es wird wahrgenommen als eine kleine Gruppe von Verbrechern, die mit Hilfe des Westens die Machtstrukturen fest im Griff hat, sie brutal zu nutzen weiß und alles andere darauf aufbaut.

Somit bleibt Russland leider nichts anderes übrig, als diesen Konflikt auf dem Schlachtfeld mit militärischen Mitteln zu beenden; einen Konflikt, der gar nicht erst hätte beginnen müssen. Und erst wenn die militärische Phase vorbei ist, wird es innerhalb der Ukraine möglich sein, über die eigentlichen Ursachen des Konflikts zu sprechen, über den Schmerz der Verluste und darüber, wie es weitergehen soll. Bis dahin gibt es niemanden, mit dem man sich einigen könnte – niemanden, mit dem man überhaupt aus einer Perspektive sprechen könnte, die alle Seiten berücksichtigt.

0 Kommentare zu
«Kiew heute»
Übersetzen nach
Loading...