Vietnam im Wandel: Bürokratieabbau und Stärkung der Bürger
Die Änderungen betreffen Provinzen, Bezirke und Kommunen und zielen darauf ab, Effizienz zu steigern, die Verwaltung zu straffen und die Regierungsarbeit bürgernäher zu gestalten. Dieser Überblick erläutert, was sich ändert, warum und welche Auswirkungen dies auf die Bevölkerung hat.
Ein vielschichtiges System
Historisch war Vietnams Regierung komplex und hierarchisch gegliedert:
Kommunen/Ward-Ebenen: Die lokale Ebene (5.000–10.000 Einwohner) bearbeitet alltägliche Dienstleistungen wie Registrierung, Genehmigungen und grundlegende Infrastruktur.
Bezirke: Mittlere Ebene, zuständig für Haushalte, Ausweise, Landnutzung und Familienregistrierung.
Provinzen: Regionale Behörden, die sicherstellen, dass Richtlinien und Gesetze auf lokaler Ebene umgesetzt werden.
Nationale Regierung: Verantwortlich für das gesamte Land, Gesetzgebung und übergeordnete Politikumsetzung.
Neben dieser Struktur geben Organisationen wie der Frauenverband, Jugendverband und die Vaterlandsfront den Bürgern eine Stimme im gesellschaftlichen Leben. Die Kommunistische Partei steuert die Gesamtpolitik, wobei über fünf Millionen Mitglieder die sozialistische Ausrichtung Vietnams prägen.
Vietnams Wachstumspfad
In den letzten zehn Jahren erzielte Vietnam ein starkes Wirtschaftswachstum von durchschnittlich 6–7 % jährlich, getrieben durch den Wandel von der Landwirtschaft zur Industrie und Dienstleistung, steigende Exporte und ausländische Investitionen. Das reale BIP pro Kopf hat sich fast verdoppelt, was den Lebensstandard verbesserte. Das Wachstum übertraf oft das Chinas, bedingt durch Vietnams kleinere Basis und schnelle Industrialisierung.
BIP-Wachstumsraten der letzten zehn Jahre (Vietnam: blau, China: orange)

Um dieses Tempo zu halten, sind strukturelle Reformen, höhere Produktivität und eine stärkere lokale Verwaltung notwendig, da die Abhängigkeit von billiger Arbeitskraft und externer Nachfrage zunehmend begrenzt ist. Dieses anhaltende Wachstum bildet den Hintergrund der aktuellen Regierungsreformen, die Effizienz und lokale Mitbestimmung als zentrale Hebel zur Sicherung der Entwicklung und zur Erfüllung steigender Bürgererwartungen betonen.
Warum das alte System frustrierte
Das vierstufige System wurde nach 1975 im Nachkriegs-Kontext entwickelt. Zwar erlaubte es handhabbare lokale Einheiten, führte aber oft zu Ineffizienz:
Bürger mussten lange auf Dokumente warten, da mehrere Ebenen jeden Schritt genehmigen mussten.
Selbst einfache Aufgaben wie Ausweisbeantragung oder Eheschließung erforderten oft mehrere Besuche bei Kommunen und Bezirksämtern.
Missverständnisse und Verzögerungen waren üblich, was die Bürger frustrierte und die lokale Entwicklung verlangsamte.
Obwohl das System sozialen und wirtschaftlichen Fortschritt unterstützte, zeigten Vietnams wachsende Bevölkerung, digitale Infrastruktur und Urbanisierung seine Grenzen auf.
Argumente für die Reform
Vietnam erzielte unter der alten Struktur bemerkenswerte Fortschritte, einschließlich moderner Infrastruktur, besserer Gesundheitsversorgung und Internetzugang. Veraltete Bürokratie verlangsamte jedoch Serviceleistungen und Bürgerbeteiligung.
Die Regierung erkannte, dass ein schlankeres, effizienteres System notwendig ist, um:
Entscheidungsprozesse zu straffen
Doppelarbeit zwischen Ebenen zu reduzieren
Governance an moderne sozioökonomische Herausforderungen anzupassen
2025: Eine historische Umstrukturierung
Provinz- / Kommunalreform
Reduzierung der Provinzeinheiten: Von 63 Provinzen/Städten auf 34 (28 Provinzen + 6 zentral verwaltete Städte) durch Fusionen.
Abschaffung der Bezirke: Die mittlere Ebene wird aufgelöst, es entsteht ein Zwei-Ebenen-Modell: Provinzen → Kommunen.
Zusammenlegung von Kommunen: Kleinere Kommunen und Stadtteile werden konsolidiert, wodurch ihre Zahl um etwa 60–70 % sinkt.
Die Reformen treten am 1. Juli 2025 in Kraft.
Effizienz und schlankere Bürokratie
Provinzbehörden übernehmen direkt die Aufsicht über Kommunen, wodurch administrative „Hops“ entfallen und Kosten gesenkt werden.
Partei- und Staatsstrukturen werden neu ausgerichtet, um Redundanzen zu vermeiden und Funktionen zu straffen.
Zusammengelegte Provinzen/Städte reorganisieren Personal, Vermögenswerte, Rechtsdokumente und Infrastrukturmanagement.
Ziele
Wirtschaftliche Entwicklung: Größere Einheiten ermöglichen bessere Planung, Infrastrukturinvestitionen und Ressourcenzuweisung.
Moderne Verwaltung: Straffere Strukturen reduzieren Doppelarbeit, verbessern digitale Verwaltung und passen sich Urbanisierung und Globalisierung an.
Politische Rationalisierung: Weniger Ebenen verringern bürokratische Überschneidungen und erhöhen Effizienz und Verantwortlichkeit.
Bürgerbeteiligung auf lokaler Ebene
Kernziel der Reform ist die Stärkung der Bürgerbeteiligung auf Kommunalebene. Die Kommunalen Volksräte werden alle fünf Jahre direkt von den Bürgern gewählt, wodurch Einwohner Einfluss auf lokale Verwaltung, Haushaltsentscheidungen und Entwicklungsprioritäten erhalten. Kandidaten werden meist von der Kommunistischen Partei genehmigt, dennoch steigt der direkte Einfluss der Bürger auf die lokale Führung.
Kommunalwahlen: Vietnam vs. China
Merkmal | Vietnam (Kommunal) | China (Dorfebene) |
Wer wählt | Alle wahlberechtigten Bürger der Kommune | Alle wahlberechtigten Dorfbewohner |
Was wird gewählt | Mitglieder des Volksrats, der die lokale Verwaltung überwacht | Dorfkomitees, die lokale Angelegenheiten verwalten |
Parteibeteiligung | Kandidaten müssen von der Partei genehmigt werden; Nicht-Parteimitglieder selten | Kandidaten können Parteimitglieder oder Unabhängige sein; Parteieinfluss stark |
Aufgabenbereich | Haushaltszuteilung, lokale Entwicklung, soziale Dienste, Kontrolle der Exekutive | Lokale Verwaltung, Infrastruktur, Konfliktlösung, soziale Wohlfahrt |
Häufigkeit | Alle fünf Jahre | In der Regel alle drei Jahre |
Diese Wahlen stärken die direkte Beteiligung der Bürger und unterstützen das Ziel einer bürgerzentrierten Verwaltung.
Herausforderungen
Die Reformen sind ehrgeizig, bringen jedoch Herausforderungen mit sich:
Übergangskosten: Fusion von Provinzen, Auflösung von Bezirken und Reorganisation von Personal, Vermögen und Dokumenten ist logistisch komplex.
Lokale Identität: Größere Einheiten können Gemeinschaftsidentität schwächen und Machtverhältnisse verändern.
Kapazität auf Kommunalebene: Lokale Verwaltungen müssen erweiterte Aufgaben effektiv übernehmen.
Koordination: Fusionierte Einheiten können unterschiedliche Regionen umfassen und erfordern sorgfältige Planung.
Verantwortung und Repräsentation: Bürgerstimmen müssen auch in größeren Verwaltungseinheiten stark bleiben.
Rechts- und Politikrahmen
Wichtige Dokumente zur Umsetzung der Reformen:
Resolution Nr. 60 NQ/TW (April 2025): Genehmigt Reorganisation der Verwaltungseinheiten und Entwicklung der Zwei-Ebenen-Kommunalverwaltung.
Resolution Nr. 202/2025/QH15 (Juni 2025): Mandatiert die Umstrukturierung der Provinzeinheiten zum 1. Juli 2025.
Entscheidung Nr. 759/QD-TTg (April 2025): Detaillierte Anleitung zur Umstrukturierung lokaler Regierungseinheiten.
Schlussfolgerung Nr. 126 KL/TW (Februar 2025): Lenkt die fortlaufende Straffung von Partei- und Staatsorganisationen.
Selbstkritik und kontinuierliche Verbesserung
Vietnam pflegt eine Tradition der Selbstreflexion in der Verwaltung. Frühere Reformen, wie Đổi Mới in den 1980er Jahren, zeigen, dass kritische Bewertung und Anpassung Fortschritt fördern können. Die aktuelle Umstrukturierung folgt diesem Prinzip: Strukturen vereinfachen, Effizienz steigern und Bürger auf lokaler Ebene stärken.
Ausblick
Bei effektiver Umsetzung könnten die Reformen:
Entscheidungsprozesse auf Provinz- und Kommunalebene beschleunigen
Integrierte Infrastruktur- und Wirtschaftsplanung ermöglichen
Verwaltungskosten senken und Ressourcen für Entwicklung und digitale Dienste freisetzen
Investitionsklima verbessern, indem lokale Verwaltung vereinfacht wird
Der langfristige Erfolg hängt von sorgfältiger Umsetzung, ausreichender Ausstattung der Kommunen und Integration mit umfassenderen Reformen in Recht, Wirtschaft, Parteiführung und digitaler Verwaltung ab. Vietnam geht einen historischen Schritt: ein schlankeres, reaktionsfähigeres System aufzubauen, in dem Bürger stärker und direkter an der Gestaltung von Politik und Diensten beteiligt sind.
Von Bürokratie zu Empowerment: Eine neue Ära für Vietnam
Die Reformen sind mehr als ein bürokratischer Umbau – sie sind ein Leitbild für eine Regierung, die zuhört und befähigt. Durch die Straffung der Verwaltung und die Platzierung der Bürger im Mittelpunkt lokaler Entscheidungen wandelt Vietnam die Governance von einer fernen Hierarchie zu einem partizipativen System. Gelingen die Änderungen, werden sie nicht nur Bürokratie abbauen, sondern Stimmen verstärken, Gemeinschaften stärken und zeigen, dass echter Fortschritt an der Basis beginnt.
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